Als ich im Zuge eines Projekts mit dem Vorlesen im Wohn- und Pflegeheim begonnen habe, habe ich nicht geahnt, welche Freude und Bereicherung das für mich sein wird.
Vorlesen – eine Tradition, die viele von uns mit der Kindheit verbinden. Doch warum sollte diese wunderbare Praxis nur Kindern vorbehalten sein? Auch ältere Menschen können erheblich vom Vorlesen profitieren. In einer Zeit, in der das Lesen oft nicht mehr so einfach ist, bietet das Vorlesen eine Möglichkeit, den Zugang zur Welt der Literatur und des Wissens zu bewahren.
Warum Vorlesen für ältere Menschen wichtig ist
Mit zunehmendem Alter können sich einige Herausforderungen ergeben, die das selbstständige Lesen erschweren. Sehschwächen, Konzentrationsprobleme oder kognitive Einschränkungen wie Demenz machen es vielen älteren Menschen schwer, Bücher oder Zeitungen wie früher zu genießen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie auf die Freude an Geschichten und Informationen verzichten müssen. Hier setzt das Vorlesen an, das mehrere Vorteile bietet.
Mentale Stimulation und Prävention von Einsamkeit
Ältere Menschen, die sich oft isoliert fühlen, können durch das Vorlesen aktiv am Leben teilhaben. Ob spannende Krimis, historische Romane, philosophische Werke oder lustige Kurzgeschichten – das Zuhören stimuliert den Geist und fördert das Erinnerungsvermögen. Es hilft, kognitive Fähigkeiten zu trainieren und gleichzeitig das Wohlbefinden zu steigern.
Vorlesen schafft eine besondere Verbindung zwischen Vorleser und Zuhörer. Es entsteht eine persönliche, intime Atmosphäre, die das Gefühl von Nähe und Geborgenheit vermittelt. In Pflegeheimen oder bei alleinlebenden Senioren kann diese gemeinsame Zeit helfen, soziale Isolation zu verringern und wertvolle zwischenmenschliche Kontakte zu fördern.
Die richtige Auswahl der Texte
Es ist wichtig, Texte auszuwählen, die dem Geschmack und den Interessen der älteren Personen entsprechen. Klassiker der Literatur, Gedichte, Fabeln oder Artikel aus Zeitungen und Zeitschriften – entscheidend ist, dass das Thema die Zuhörer:innen anspricht. Wichtig ist es, Texte mit einer klaren, gut verständlichen Sprache zu wählen. Es gibt auch eigene Vorlesebücher für ältere Menschen und Menschen mit Demenz. Am beliebtesten sind lustige Texte. Auch Bücher mit Rätselgeschichten, Umschreibungen von Gegenständen oder Reime, die von den Teilnehmenden zu ergänzen sind, sind sehr empfehlenswert, weil hier die Zuhörenden aktiv eingebunden werden. Es kann auch passieren, dass Senior:innen Gedichte rezitieren oder Lieder anstimmen. Da bin ich dann immer ganz ergriffen und die anderen Anwesenden klatschen meist Beifall.
Die richtige Umgebung wählen
Eine ruhige, gemütliche Umgebung ohne Ablenkungen ist ideal, um das Vorlesen genießen zu können. Eine bequeme Sitzgelegenheit, gutes Licht und eine entspannte Atmosphäre tragen dazu bei, dass sich alle wohlfühlen. Auf einem Flipchart steht ein „Herzlich Willkommen“ in Kurrentschrift, Gegenstände, die mit der Geschichte oder mehreren kurzen Geschichten zum gleichen Thema zu tun haben, kann man auf einem Tisch platzieren. Das weckt die Neugier und das Interesse der Personen und weckt auch Erinnerungen. Um sie hier aktiv mit einzubeziehen, kann man gemeinsam die Gegenstände benennen. Das ist bei meinen Gruppenbesuchen besonders bereichernd, wenn die blinde Dame aus Stockwerk 2 beim Vorlesen mit dabei ist und ich die anderen auffordere: „Beschreiben Sie doch bitte für Frau M., was Sie hier am Tisch alles sehen.“
Langsam und deutlich sprechen
Besonders bei älteren Menschen mit Hörproblemen ist es wichtig, langsam, deutlich und mit Pausen zu lesen. Eine klare, deutliche Aussprache und eine angenehme Lautstärke ermöglichen es den Zuhörer:innen, der Geschichte besser zu folgen. Durch ständigen Blickkontakt weiß ich auch, ob die Geschichte vielleicht schon zu lang wird und ob das von mir gewählte Thema auch die Senior:innen anspricht.
Je nachdem, wie lange die Vorleseeinheit dauert und damit das Sitzen nicht zu anstrengend wird, baue ich auch gerne Bewegungsgeschichten ein, wo die Zuhörenden entweder Bewegungen machen, die zum Text passen oder einfach bei bestimmten Wörtern Tücher schwingen. Hier ist das langsame und deutliche Sprechen besonders wichtig, weil das Publikum direkt auf den Text reagieren muss.
Erinnerungen wecken
Das Vorlesen von Geschichten aus früheren Zeiten, bekannten Märchen oder klassischen Gedichten kann bei älteren Menschen Erinnerungen an die eigene Jugend und Lebensgeschichte wachrufen. Dies ist besonders für Menschen mit Demenz eine wertvolle Möglichkeit, positive Erinnerungen zu reaktivieren und eine Brücke zur Vergangenheit zu schlagen. Durch gezieltes Fragestellen im Anschluss an das Gehörte und den gemeinsamen Austausch zum Inhalt des Textes werden weitere Erinnerungen geweckt und es kann unter Umständen sogar eine Gesprächsrunde entstehen. Besonders berührend sind dann persönliche Erzählungen. Wenn Personen öfter kommen, kann man auch schon anknüpfen an frühere Berichte.
Fazit: Vorlesen als Bereicherung für ältere Menschen und die Person, die vorliest
Vorlesen ist weit mehr als nur das Vortragen von Worten. Es bietet die Möglichkeit, gemeinsam in andere Welten einzutauchen, Erinnerungen zu wecken und den Geist zu stimulieren. Besonders für ältere Menschen, die Schwierigkeiten beim selbstständigen Lesen haben, kann das Vorlesen eine unschätzbare Bereicherung sein. Es schafft Nähe, reduziert Einsamkeit und bietet wertvolle Momente der Entspannung und Freude, nicht nur beim Zuhörenden, sondern auch bei mir als Vorlesende.